Demokratie live in der Geschichte: Die Ulmer Bürger stimmen über ihren Glauben ab
Am 15. September ist der Internationale Tag der Demokratie. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen rief ihn 2007 ins Leben, um demokratische Werte zu stärken und zur aktiven Mitgestaltung aufzurufen.
Gerade in der aktuellen Zeit ein immer wichtigeres Thema. Archive stärken die Demokratie, in dem sie für Verwaltungstransparenz sorgen und die Erinnerung an die Geschichte bewahren, aus der man lernen kann. Ein Blick in die Ulmer Stadtgeschichte zeigt: Auch fast 500 Jahre zuvor stellte sich in Ulm eine Frage, die im Kern um Mitsprache und Legitimation kreiste – wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen als heute.
Im Frühjahr 1530 reiste Bürgermeister Bernhard Besserer gemeinsam mit Daniel Schleicher zum Reichstag nach Augsburg. Dort verhandelte Kaiser Karl V. mit den Reichsständen über die Glaubensspaltung, die das Reich seit Luthers Auftreten erschütterte. Den Ulmer Gesandten lagen zwei reformatorische Bekenntnisschriften vor, die Confessio Augustana und die Confessio Tetrapolitana. Zustimmen durften sie nicht: Der Rat daheim hatte ihnen dafür kein Mandat erteilt. Doch die Lage duldete keinen Aufschub mehr. Besserer und Schleicher spürten, dass Ulm sich nicht länger heraushalten konnte, und die Sorge vor einer militärischen Eskalation wuchs mit jedem Tag.
Zurück in Ulm stand der Rat vor einer Entscheidung, die er nicht allein tragen wollte – oder tragen konnte. Die reichsstädtische Verfassung, der sogenannte Große Schwörbrief von 1397, sah für solche Fälle ein Instrument vor: die Befragung der Bürgerschaft. Genau darauf griff Besserer nun zurück.
Vom 3. bis zum 8. November 1530 wurde in allen 17 Zünften abgestimmt, ebenso bei den Patriziern, den Pfahlbürgern, den Beiwohnern und einzelnen Bruderschaften. Vor der eigentlichen Befragung verlas ein eigens damit beauftragter Ratsausschuss einen Vorhalt: Er berichtete vom Ausgang des Augsburger Reichstags, erläuterte den Reichstagsabschied in Glaubenssachen und begründete, warum der Rat diese Entscheidung nicht im Alleingang treffen wollte. Auch die möglichen Folgen beider Ausgänge – Annahme wie Ablehnung – trug der Ausschuss den Zunftmitgliedern deutlich vor. Am Ende sollten die Zunftmeister das Votum ihrer Mitglieder schriftlich festhalten.
Wie genau das aussah, belegt die erhaltene Abstimmungsliste der Kürschnerzunft: 51 Zunftmitglieder lehnten den Reichstagsabschied ab und stimmten damit für die neue Lehre, lediglich fünf votierten für dessen Annahme. Stadtweit fiel das Ergebnis ähnlich eindeutig aus: Von 1.865 abstimmungsberechtigten Personen sprachen sich 1.621 gegen den Augsburger Abschied aus – und damit für den Verbleib bei der reformatorischen Überzeugung, trotz der drohenden Konsequenzen. Bernhard Besserer selbst, den sein Amt eigentlich zur Zurückhaltung zwang, stimmte persönlich gegen den antievangelischen Abschied.
Was folgte, zeigte, dass diese Abstimmung keine bloße Formsache blieb. Der Rat sicherte Ulm zunächst außenpolitisch ab, trat dem Schmalkaldischen Bund bei und berief im April 1531 mit Martin Bucer, Johannes Oekolampad und Ambrosius Blarer drei auswärtige Theologen, um die Reformation in der Stadt umzusetzen. Noch im selben Jahr fiel die katholische Messe, verschwanden unter dem Einfluss der Theologen aus der Schweiz die Bilder aus den Kirchen, und die städtische Gemeinde feierte das evangelische Abendmahl.
Wer hier vorschnell von „Demokratie” im heutigen Sinne spricht, verkennt allerdings die Unterschiede. Abstimmen durften 1530 nur bestimmte Gruppen: Zunftmitglieder, Patrizier, Pfahlbürger, Beiwohner, einzelne Bruderschaften – nicht die gesamte Einwohnerschaft, nicht die Frauen, nicht das Gesinde. Es ging auch nicht um die regelmäßige Wahl einer Regierung, sondern um eine einmalige, existenzielle Gewissensfrage, die der Rat aus eigener Verantwortung heraus an die Bürgerschaft zurückgab. Und doch: Dass eine Reichsstadt im 16. Jahrhundert über eine derart folgenreiche politische und religiöse Weichenstellung nicht allein im Rathaus, sondern durch eine breit angelegte Befragung ihrer Bürger entschied, bleibt bemerkenswert. Der Große Schwörbrief hielt dafür seit bereits seit dem 14. Jahrhundert ein Verfahren bereit, und Besserer nutzte es in einem Moment, in dem die Obrigkeit selbst an ihre Grenzen stieß.
Seit 2026 ist das Schwörhaus in Ulm Ort der Demokratiegeschichte. Am Tag der Demokratie lohnt sich dieser Blick zurück: nicht um vergangene Zustände zu verklären oder gleichzusetzen mit dem, was wir heute unter Demokratie verstehen, sondern um zu sehen, wie unterschiedlich Gesellschaften zu verschiedenen Zeiten mit der Frage umgingen, wer mitentscheiden darf – und wie sehr diese Frage bis heute in Bewegung bleibt. Die vergilbte Abstimmungsliste der Kürschner im Ulmer Stadtarchiv erzählt davon, mit Namen, Tinte und einem klaren Ergebnis, festgehalten vor fast fünf Jahrhunderten.
Abstimmungsliste der Kürschner 1530
Transkriptionen
Dise hernach geschriben maister deß kürßner hantwercks wellen den verleßen abschid nit annemen etc.
Jacob Michell, Zunfftmaister
Jorg Schelling, Zunfftmaister
Carlle Schilcher allt
Hainrich Eder
Martte Gag
Melcher Reichenbach
Hanns Schorndorff
Jorg Braittinger
Hanns Regenspurger
Ott Spießschmid
Bernhardt haffenprack
Bastion Gretzing
Deuß Bosch
Ludwig Spitzenberg
Hanns Suntag
Bastion Wierich
Hanns Maierler
Balltus Haym
Laux Bechem
Claus Heepp
Deus Sellig
Mathis Flentz
Zimprecht Ketzell
Endriß Zauner
Jacob Neithartt
Cunratt Breinlin
Hanns Hopp
Matheus Gertner
Hanns Breinllin
Michell Schreiber
Kunratt Feldung
Caspar Leschenbrand
Hainrich Wierrich
Mathis Bausch
Jerg Hetter
Laux Zimerman
Hanns Schmid
Cristen Buck
Urbon Raminger
Urich Linder
Carle Schilcher jung
Cunratt Endriß
Caspar Kromer
Hanns Sperllin
Jacob Erttlin
Wilhalm Linder jung
Jorg Bauller
Hans Michell
Marx Steller
Matheus Haffenprack
Adtmar Lebzelter
Diße hernach geschriben maister des Kürßner hanndtwercks wellen den verlessen abschid
annehmen etc.:
Claus Rappenstorffer
Rupprecht Breinllin
Caspar Reichenbach allt
Cunratt Schaur
Barthlome Suntag
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Stadtarchiv Ulm (10. September 2026). Demokratie live in der Geschichte: Die Ulmer Bürger stimmen über ihren Glauben ab. ULMA. Abgerufen am 16. Oktober 2026 von https://ulmarchiv.hypotheses.org/22067




